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Artikel: Muttertät: Von der Frau zur Mutter

Muttertät: Von der Frau zur Mutter
Wochenbett

Muttertät: Von der Frau zur Mutter

"When a baby is born, so is a mother." Hätten wir damals gewusst, dass es den Begriff Muttertät gibt – und was er bedeutet – wären wir sehr viel gestärkter in unser Mama-Leben gestartet. Denn sobald du mit deinem Baby nach Hause kommst, steht deine Welt Kopf: Dein Körper ist weich, deine Seele oft auch. Und gleichzeitig reicht die Gefühlsskala von Überforderung, Verantwortungsgefühl und Angst bis hin zu Vollkommenheit, Liebe und unbändigem Stolz.

Gerade im Wochenbett erlebst du mit ziemlich großer Sicherheit Höhen UND Tiefen. Diese Ambivalenz ist normal – und erstmal nicht automatisch ein Zeichen für Babyblues oder Wochenbettdepression. Sondern häufig: ein Zeichen dafür, dass du dich in einer echten Entwicklungsphase befindest.

Was ist Muttertät eigentlich?

Muttertät beschreibt die Übergangsphase in die Mutterschaft – eine Zeit, in der nicht nur dein Alltag, sondern auch Identität, Beziehung, Körpergefühl, Grenzen, Bedürfnisse und Selbstbild neu sortiert werden. Für viele beginnt dieser Prozess schon ab Kinderwunsch/Empfängnis, läuft durch Schwangerschaft und Geburt und geht weit über das Wochenbett hinaus.

Die Anthropologin Dana Raphael prägte dafür 1973 den Begriff „Matrescence“ (in Anlehnung an „Adolescence“, also Pubertät). Für den deutschsprachigen Raum haben Natalia & Sarah von den Schwesterherzen Doulas den Begriff „Muttertät“ geprägt und begleiten seit Jahren Frauen in dieser Phase.

Mutterwerden ist nicht der Moment, in dem du dein Baby im Arm hältst. „Werden“ ist ein Prozess – und ja, der kann auch von negativen, widersprüchlichen oder unerwarteten Emotionen geprägt sein. Nicht weil du undankbar bist, sondern weil dein ganzes System gerade umbaut.

Das „Muttergehirn“: Neue Erkenntnisse aus der Forschung

Viele spüren in dieser Zeit: „Ich bin nicht mehr wie vorher.“ Das ist nicht nur ein Gefühl, denn es passiert biologisch tatsächlich ziemlich viel.

  • Bereits länger bekannt ist, dass Schwangerschaft messbare Veränderungen in der Gehirnstruktur mit sich bringt, u. a. in Arealen, die mit sozialer Wahrnehmung und Bindung zusammenhängen.

  • Eine besonders spannende, sehr aktuelle Präzisionsstudie (Nature Neuroscience, 2024) hat den Wandel woche für Woche dokumentiert: Veränderungen in grauer Substanz, kortikaler Dicke und teils vorübergehende Anpassungen in der „Vernetzung“ (weiße Substanz) – einige Effekte zeigten sich sogar noch bis 2 Jahre postpartum.

  • Neue Arbeiten deuten außerdem auf eine U-förmige Entwicklung hin: Veränderungen nehmen in der Schwangerschaft zu und können sich postpartum teilweise wieder zurückentwickeln – mit Verknüpfungen zu Wohlbefinden und Bindungserleben.

Ganz wichtig dabei: Diese Veränderungen bedeuten nicht, dass das Gehirn „abbaut“. Forschende interpretieren sie eher als Feinabstimmung/Umstrukturierung – vergleichbar mit Umbauprozessen in der Pubertät.

Warum es sich (wirklich) wie Pubertät anfühlen kann

Pubertät gilt gesellschaftlich als „chaotisch, hormonell, schwierig“. Mutterschaft dagegen wird oft als „pures Glück, Vollkommenheit, Instinkt“ erzählt. Viele stellen sich auf das zweite Bild ein – und sind dann überrascht, wenn sie stattdessen Stimmungsschwankungen, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit oder das Gefühl erleben, sich selbst zu verlieren.

Muttertät als Begriff kann hier entlasten: Er gibt Sprache für das, was passiert – und hilft, Gefühle zu normalisieren, zu entstigmatisieren und einzuordnen.

Eine sehr gute Ergänzung dazu ist der TED Talk der Psychiaterin Alexandra Sacks, die Matrescence bekannter gemacht hat und erklärt, warum dieser Übergang so oft missverstanden oder vorschnell pathologisiert wird.

Unsere Erfahrungen

Auch wir haben uns schwer damit getan, in unsere Rolle als Mutter hineinzufinden. Wir waren vorher berufstätig, frei, selbstbestimmt und hatten unterschätzt, wie sehr ein Baby wirklich alles verändert. Wir waren eher das Paar, das sagte: „Bei uns wird sich nicht so viel ändern, wenn das Baby da ist.“ (haha)

Was uns damals zusätzlich verunsichert hat: Wir haben diese „Liebe auf den ersten Blick“ nicht so erlebt, wie es überall suggeriert wird. Und niemand hatte uns gesagt, dass auch das normal sein kann. Dazu kam sofort dieses riesige Verantwortungsgefühl für ein kleines, schutzloses Wesen und gleichzeitig die Frage: Wie soll ich dem gerecht werden?

Und dann waren da die postnatalen Veränderungen: ein anderer Körper, Rückbildung, ggf. Kaiserschnitt-Nachwirkungen, Stillstart und Stillprobleme – plus Bedürfnisse (Schlaf, Essen, Ruhe), die ständig zu kurz kamen. Wir waren so müde. So müde. Und irgendwann kamen Sätze wie:

„Was mache ich hier eigentlich?“ – „Mache ich das richtig?“ – „Warum klappt das bei mir nicht so wie bei anderen?“ – „Bin ich jetzt nur noch Mama?“

Bei uns führte diese Überforderung schließlich in eine Wochenbettdepression. Heute wissen wir: Das ist nicht „selten“ und vor allem: Es ist behandelbar und du musst da nicht allein durch. Hätten wir damals gewusst, wie normal Ambivalenz, Zweifel und Überforderung in dieser Übergangsphase sein können (und dass sie sogar einen Namen hat), hätte uns das viel Last von den Schultern genommen.

Was dir in der Muttertät helfen kann

  • Sprich aus, wie es dir wirklich geht. Nicht erst, wenn es „zu viel“ ist.

  • Such dir Mamas in ähnlicher Situation. Nicht nur die, bei denen „alles easy“ wirkt.

  • Mach Realität sichtbar. Du wirst überrascht sein, wie viel Zuspruch kommt, wenn du ehrlich bist.

  • Hol dir Unterstützung früh. Doula, Hebamme, Mütterpflege, therapeutische Begleitung – je nach Bedarf.

Wenn wir mehr echte Worte teilen, wenn wir aussprechen wie es uns wirklich geht, dann entsteht etwas, das so viele vermissen: tiefe Verbindung statt Vergleich und echte Mama-Verbindungen.

1 Kommentar

Hallöchen,
Alles muss einen Namen haben, dachte ich zuerst, als ich von diesem Begriff gehört habe. Als 4 Fach Mama weiß ich aber um was es geht und was gemeint ist. Ich hatte hormonell zu kämpfen, kam aber sonst gut in die Mutterrolle hinein. Nur hinaus ist denkbar schwer. Meine jüngste ist jetzt 19 und hat mir kurz vor ihrem 18. Geburtstag eröffnet, auch auszuziehen. Mit jeder Tochter die ging, ging auch ein Stück von mir. Sie wohnen nicht weit weg, die eine sogar seit einem Jahr wieder bei mir, aber trotzdem habe ich extrem Probleme. Ich bin stolz auf meine Mädels und super happy, das sie selbstständig sind und ihren Weg gehen- und trotzdem kann ich einfach nicht los lassen. Ich fühle mich wertlos, weiß nicht wirklich etwas mit mir anzufangen, auch wenn ich zahlreiche Hobbys habe, die ich auch gerne mache, und trotzdem ist da die große Leere. Ich heule bei jedem Film mit kleinen Kindern und Eltern, sehne mich nach der oft stressigen und hektischen Zeit. Ich sage oft, das ich mich wie bei einer Vollbremsung fühle. Eben noch Mega in Action, nicht wissen wo mein Kopf steht und dann- stille, Ruhe, nichts mehr.
Gibt es dafür auch ein Begriff? Würde mir jetzt wohl auch helfen….

Marion Nowotny

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